PROJEKTE

> DOKUMENTATION 2017

Header Image Karin Waehner (1926-1999) – Eigensinnig in Zwischenräumen

Foto: JO BABOUT | © Archiv Karin Waehner

Heide Lazarus:
Karin Waehner (1926-1999) – Eigensinnig in Zwischenräumen

Karin Waehner wurde 1926 im heutigen Polen geboren. Ihre Ausbildung als Tänzerin, Choreografin und Pädagogin erhielt sie nach 1945 bei Mary Wigman in Leipzig. Aus Argentinien  zog die Künstlerin 1953 nach Frankreich, wo sie 1958 ihre Kompanie "Les ballets contemporains Karin Waehner" gründete.
Während sie in Frankreich als eine der Wegbereiterinnen des Modernen Tanzes gilt, sind ihr Name und ihr Werk in Deutschland eher unbekannt.

Dies wollten die Dramaturgin und Theaterwissenschaftlerin Heide Lazarus, Bruno Genty – ehemaliger Tänzer und heute einer der führenden Nachlassverwalter von Karin Waehner – sowie die beiden Tänzer Annette Lopez Leal und Michael Gross mit ihrem TANZFONDS ERBE Projekt ändern.

Als Ausgangspunkt für die künstlerische Forschung dienten drei zeitgeschichtliche Aspekte, die Karin Waehner als historische Person verbindet: die generationsübergreifende Weitergabe von moderner Tanzpraxis und Tanzwissen, Trans- und Internationalisierung des künstlerischen und pädagogischen Arbeitens sowie die Migrationsbewegungen künstlerischen Wirkens im 20. Jahrhunderts.

Das Projekt wollte Vergangenheit und Gegenwart verbinden: "celui sans nom" (dt. Namenlos) – eines der letzten Stücke Waehners – wurde nicht nur rekonstruiert und weitergegeben, sondern das Solo zudem zu einem Trio erweitert. Darüber hinaus wurde es in eine Lecture Performance eingebettet, die die künstlerischen Prinzipien der Choreografin untersuchte und künstlerische Migrationsbewegungen in inner- und außereuropäischer Dimension thematisierte. Die Lecture fand mit Genehmigung der Association Karin Waehner - Les Cahiers de l'Oiseau statt.

Detaillierte Informationen zum Gesamtprogramm finden Sie hier.

Einen Trailer zum Stück "WEGEHEN" finden sie hier.

Credits
MEHR

Dramaturgische und organisatorische Gesamtleitung – Heide Lazarus
Choreografische Gesamtleitung, Tanz – Bruno Genty
Tanz, choreografische Assistenz – Annette Lopez Leal
Tanz, choreografische Mitarbeit – Michael Gross
Finanzverwaltung – Anja Vogel
Fotografie und Dokumentation – Solaja Rechlin
Öffentlichkeitsarbeit – DOCK 11 EDEN*****, GTF–Gesellschaft für Tanzforschung, Heide Lazarus
Grafik – Kirsten Seeligmüller
Assistenz Organisation: Katja Karouaschan

Tanzwissenschaftliche und biografische Beratung – Dr. Josephine Fenger (D), Dr. Laure Guilbert (F), Dr. Claudia Fleischle-Braun (D), Heide Lazarus (D), Jean Masse/ Association Karin Waehner – Les Cahiers de l’Oiseau (F), Stephan Dörschel/ Archiv der Akademie der Künste in Berlin

Ausgangschoreografie :

„celui sans nom“ (dt.: Namenlos), Solo
Choreografie – Karin Waehner
Idee, Tanz –  Bruno Genty
Musik – Thierry Estival
Uraufführung – 1990, Théâtre Boris Vian (F)

Partner:

Produktion – DOCK 11 gmbH (gemeinnützig)
Probenort – Institute of Dance Arts (IDA) der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz
Gastspiel – TANZWOCHE 2018 in  Dresden

Weitere Partner:
Gesellschaft für Tanzforschung (gtf), Archiv der Akademie der Künste, Berlin, Centre Lafaurie Monbadon, „Karin Waehner, une artiste migrante. Archive, patrimoine et histoire transculturelle de la danse“ Forschungsprojekt der Universität Paris 8 mit Isabelle Launay, Sylviane Pagès, Mélanie Papin, Guillaume Sintès 

 

Medien zu Karin Waehner
MEHR

"Karin Waehner – L'Empreinte du sensible" (2002)

Regie und Drehbuch: Sylvia Ghibaudo, Marc Lawton
Ausführender Produzent: Aladin
Koproduzenten : Ante, Muzzik, Mezzo
Gefördert von: Procirep, DMDTS, Ministère de la Jeunesse et des Sports, Fédération française de danse, Association Karin Waehner, CNC

Neuerscheinung zu Karin Waehner auf Deutsch von Josephine Fenger – „>Mitteilungen von Mensch zu Mensch<. Der Briefwechsel von Mary Wigman und Karin Waehner”, in: Jungmayr, J. & Schotte, M. (Hg.): Opera minora editorica. Editorische Beiträge zur Kulturwissenschaft. Berlin: Weidler Verlag, 2017, S.457-572.

 

Programmflyer & Personeninfos
MEHR

 

gtf- WORKSHOP FESTIVAL „Transnationale Konzepte im modernen Tanz“ (16. – 18. März 2018, DOCK 11, Berlin, Kastanienallee 79) KARIN WAEHNER (1926-1999): Eigensinnig in Zwischenräumen. Ein TANZFONDS ERBE Projekt

(12., 14., 15., 17. März 2018, DOCK 11, Berlin, Kastanienallee 79)

Biographien der Künstler_innen und tanzwissenschaftlichen Podiums-teilnehmer_innen aus Frankreich, Österreich, Schweiz und Deutschland

(weitere Gäste sind angefragt)

Andrea Amort, Prof. Dr., hat in Linz Tanz studiert und promovierte nach dem Studium der Theater-wissenschaft an der Universität Wien mit der Dissertation Die Geschichte des Balletts der Wiener Staatsoper 1918–1942. Als Tanzkritikerin arbeitet sie für internationale Medien und Fachzeitschrif-ten, insbesondere für Tanz und war u.a. Redakteurin und stellvertretende Kultur-Ressortleiterin der Wiener Tageszeitung Kurier. Darüber hinaus lehrte sie an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz. Seit 2003 lehrt und forscht sie an der Musik und Kunst-Privatuniversität der Stadt Wien (MUK). Als Dramaturgin arbeitete sie u.a. an der Deutschen Oper am Rhein und am Tiroler Landestheater und war auch in Kooperation mit freien Choreografen engagiert. 2009–2013 war sie Kuratorin für Thea-ter, Tanz und Performance im Auftrag der Stadt Wien. Seit 2016 erschließt sie im Rahmen ihrer Professur an der MUK-Privatuniversität der Stadt Wien und als wissenschaftliche Leiterin des Tanz-archivs mit ihrem Team den Nachlass von Rosalia Chladek. Mit-Herausgeberin von Österreich tanzt. Geschichte und Gegenwart (2001), Herausgeberin von Nurejew und Wien. Ein leidenschaftliches Verhältnis (2003), Autorin von Hanna Berger. Spuren einer Tänzerin im Widerstand (2010). Zahlreiche Aufsätze zum Tanz in Österreich. Aktuelles Projekt: Kuration der Ausstellung Kosmos Wiener Tanz-moderne (Arbeitstitel) mit Buch für das Theatermuseum Wien (März 2019 bis Feb. 2020).

Doris Buche-Reisinger studierte Klassischen Tanz bei Prof. Berti Handl und Tänzerische Bewegungs-erziehung am Konservatorium der Stadt Wien (heute: MUK Privatuniversität der Stadt Wien). Als Tänzerin realisierte sie in Österreich und international neben der fünfjährigen Zusammenarbeit mit dem Tanz Atelier Wien diverse tänzerische und choreographische Projekte, u.a. mit Hof-Dantzer, Wire Monkey Dance Company (USA), tanztheater hommunculus, Tanz*Hotel, Cie Willi Dorner und dem Tanz-Musik-Duo zweiacht sowie mit Musikern der Wiener Philharmoniker. Sie erarbeitete und rekonstruierte für die Internationale Gesellschaft Rosalia Chladek e.V. Tänze von Rosalia Chladek und ist Repräsentantin für Frankreich im Vorstand. Neben choreografischen Tätigkeiten für das öster-reichische Generalkonsulat in Straßburg und schulischen Tanzprojekten unterrichtet sie an der Ecole BolérO Oberhausbergen, am Maison des Arts Lingolsheim und im CSC Fossé des Treize in Straßburg.

Stephan Dörschel studierte in München Theaterwissenschaften, Philosophie und Psychologie und war Anfang der 1980er Jahre u.a. an den Münchener Kammerspielen tätig; danach absolvierte er eine Qualifizierung zum wissenschaftlichen Dokumentar und arbeitete anschließend ein Jahr beim Südwestfunk Baden-Baden. 1996 wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Archiv Darstellende Kunst der Akademie der Künste, Berlin und war dabei u.a. verantwortlich für die Tanzbestände; seit 2011 ist er Abteilungsleiter. Für die Akademie der Künste war er an mehreren Ausstellungen und Publikationen beteiligt. 2009 legte er eine Biografie über den Schauspieler, Regisseur und Theater-leiter Fritz Wisten: Bis zum letzten Augenblick – ein jüdisches Theaterleben vor. Von 2011–2017 war er im Projektteam Digitaler Atlas Tanz – ein Projekt der Akademie der Künste, Berlin tätig. Seit 2005 ist er 1. Schriftführer der Gesellschaft für Theatergeschichte, seit 2011 Mitmoderator des Runden Tisches der Berliner Theaterarchive, seit 2015 stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes Theatersammlungen in Deutschland (TheSiD) sowie Mitglied im Verbund deutscher Tanzarchive.

Josephine Fenger, Dr., arbeitete nach einer Ausbildung im Klassischen und Modernen Tanz als Ballett-Tänzerin in Südamerika. Sie studierte Theaterwissenschaft, Publizistik, Wissenschaftsmanage-ment und Editionswissenschaft. Die promovierte Kulturwissenschaftlerin ist Co-Herausgeberin (zusammen mit Johannes Birringer) der gtf-Jahrbücher Tanz im Kopf – Tanz und Kognition (2005) und Tanz und WahnSinn (2011). Zudem ist sie Autorin von Auftritt der Schatten (2009). Zu ihren aktuellen Forschungsaktivitäten gehören Studien über choreomanische und rituelle Aspekte im Tanz, be-sonders in der Volkstanzkultur Süditaliens sowie die historiographische Vermittlung von Tanz-geschichte. Sie organisiert tanzwissenschaftliche Konferenzen und referiert und veröffentlicht regel-mäßig Beiträge zur Tanzforschung. Ihre kommentierte Edition von Mary Wigmans Briefen an Karin Waehner wurde unter dem Titel „Mitteilungen von Mensch zu Mensch. Der Briefwechsel von Mary Wigman und Karin Waehner“ in: Jungmayr, J. & M. Schotte (Ed.) (2017): Opera minora editorica. Editorische Beiträge zur Kulturwissenschaft publiziert.

Claudia Fleischle-Braun, Dr., war wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin für Gymnastik und Tanz am Institut für Bewegungs-und Sportwissenschaften der Universität Stuttgart (1978–2006). Sie promovierte über die Geschichte und Vermittlungskonzepte im Modernen Tanz (1999). Sie arbeitete im Vorstandsteam der Gesellschaft für Tanzforschung (gtf) mit (2005–2015) und war mehrfach mit der Konzeption und Leitung von tanzwissenschaftlichen Tagungen und Symposien befasst. Ferner initiierte sie, dass der Moderne Tanz mit seinen Stil- und Vermittlungsformen auf der bundesweiten Liste des Immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO-Kommission verzeichnet wurde. Mit-herausgeberin (zusammen mit Ralf Stabel) von Tanzforschung & Tanzausbildung (2008), Tanzerfahrung und Welterkenntnis (2012, zusammen mit Claudia Behrens, Helga Burkhard und Krystyna Obermaier) sowie Zum immateriellen Kulturerbe des Modernen Tanzes (2015, zusammen mit Krystyna Obermaier und Denise Temme).

Bruno Genty erhielt seine Ausbildung Klassischem, Modernem und Zeitgenössischem Tanz u.a. bei Joseph Russillio, am Centre International de Dance und an der Scola Cantorum in Paris. Neben Waehners Ansatz einer evolutiven Pädagogik und der von ihr vermittelten choreografischen Trai-ningsmethode nach Mary Wigman wurde er durch die Tanztechnik von Aaron Osborne nach José Limon, die body-work-Techniken von Peter Gross und die Mimen-Techniken nach Pinok et Matho beeinflusst. Bereits während seines Studiums wurde Waehner eine seiner wichtigsten Mentoren und später wurde er ihr Assistent. Genty war zudem langjähriger Tänzer in der Company von Karin Waehner, Michel Caserta und zuletzt bei Philippe Tresserra, bevor er eigene Wege ging. Er unter-richtete und choreografierte seit den 1990er Jahren in zahlreichen Opern, Theatern, Universitäten und Tanzschulen. Stationen waren u.a. die Schola Cantorum in Paris, die Karls Universität in Prag, das Prager Kammerballett von Pavel Šmok, die Oper des Slowakischen Nationaltheaters in Bratislava, Staatliche Oper und Ensemble Trakia in Bulgarien/Plovdiv, das Dance Place-Center in Washington DC, SZENE Salzburg oder das Landestheater Linz. Zudem war er 1989/1990 Ballettmeister beim Europa Ballett von Chalon-sur-Saône, dem auch Michaël Denard verbunden war. Seine Themen sind die Einsamkeit, das Bedürfnis nach Freundschaft und Kommunikation, Toleranz und Selbstachtung. Sein Stil basiert auf einem intensiven Training, ist aber nicht auf Technik ausgerichtet. Er entsteht durch die individuellen Erfahrungen, die Erforschungen zu poetischen Geschichten und deren Über-setzungen mittels Improvisation in eine absurde, fiktive Realität. Auf dieser Grundlage arbeitet er auch häufig mit Laien und im öffentlichen Raum wie beispielsweise 1998, als er zu einem inszenier-ten Ball auf der Grundlage von M. Duras Indiasong einlud. 2009/2010 war er in die choreografische und tanztechnische Rekonstruktion von Les Marches für deren Verschriftlichung eingebunden. Seitdem beschäftigt er sich verstärkt mit dem modernen choreografischen Repertoire des 20. Jahr-hunderts. Zudem ist er seit einigen Jahren Dozent für Zeitgenössischen Tanz, Repertoire und Didaktik der Tanzpädagogik an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz sowie am Pôle d’Enseignement Supérieur Musique et Danse der Universität Michel de Montaigne in Bordeaux, welche ein staatliches Diplom für Tanzpädagogik vergibt.

Laure Guilbert, Dr., promovierte nach ihrem Studium in Geschichte und Literatur in Lille und Paris am Instituto Universitario Europeo in Florenz mit der Dissertation Danser avec le IIIe Reich. Les danseurs modernes sous le nazisme (2000, 2011 erweitere Ausgabe mit einem Nachwort). Sie hat an mehreren Universität in Frankreich Geschichte und Theorien des Tanzes und des Theaters gelehrt. Parallel dazu leitete sie Forschungsprojekte für die Cité de la musique und das Centre national de la Danse (CND) in Paris. Seit 2002 ist sie Tanzdramaturgin und Herausgeberin an der Pariser Oper. Sie war außerdem 2007 Mitbegründerin der aCD (Association des Chercheurs en Danse) und bis 2014 deren Präsidentin. Von 2015–2017 war sie mit dem deutsch-französischen Forschungszentrum für Geistes- und Sozial-wissenschaften Centre Marc Bloch in Berlin assoziiert und zugleich BRAIN-Marie Curie-Gast-wissenschaftlerin an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), wo sie mit einem Habilita-tionsvorhaben über das Exil der deutschsprachigen künstlerischen Tanzszene zwischen 1933 und 1949 befasst war. 2016 hatte sie von der Hochschule für Musik und Tanz Köln ein Forschungsstipen-dium für das Forschungskolleg Tanzwissenschaft erhalten. Aktuell arbeitet sie wieder als Dramaturgin an der Pariser Oper, setzt ihre Forschung über Exilanten fort und veröffentlicht regelmäßig tanz-historische Beiträge, u.a. in der von ihr 2014 mitbegründeten tanzwissenschaftlichen digitalen Zeit-schrift Recherches en Danse.

Michael Gross, MA, ist freischaffender Tänzer und Tanzpädagoge. Er studierte an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz im BA und MA-Programm für movement studies and performance. Während seines Studiums nutzte er die Möglichkeit, mit verschiedenen Choreografen zusammenzuarbeiten. So wirkte er u.a. in Produktionen von Bruno Genty mit Harmen Tromp in Le Cycle Des Princes, Klaus Obermair zur Eröffnung des Soundframe Festivals in Wien, Rose Breuss und der C.O.V./ Cie ff Verti-cality company mit dem Stück Re-Cycling Prometheus, das auf dem Leo Festival in Wroclaw (PL) gastierte. Michael Gross ist Mitglied der SILK Fluegge dance company (Linz) und wirkte beim Schäxpir-Festival in dem Stück BOOOM!!! (Choreografie: Silke Grabinger) mit, das anschließend mit dem STELLA 15 AWARD ausgezeichnet wurde. Seit 2016 unterrichtet er im Raum Frankfurt a.M. Modernen und Zeitgenössischen Tanz, Ballett sowie Improvisation und Komposition und ist Gast der PLAY Plattform in Frankfurt am Main/D. 2017 absolvierte er ein Praktikum bei der Dresden Frankfurt Dance Company.

Karin Hermes ist Choreografin, Tänzerin, Spezialistin für Kinetographie Laban und Tanzpädagogin. Ihre Ausbildung zur Bühnentänzerin absolvierte sie an der Ballettakademie Zürich und der School of American Ballet New York City. Nach Engagements am Schauspielhaus Zürich, Staatstheater Stuttgart und YNO-Tanztheater studierte sie Tanzpädagogik am Institut für Bühnentanz der Musikhochschule Köln. Während dieses Studiums erhielt sie ein Stipendium für das Conservatoire National Supérieure de Musique et de Danse de Paris für das Studium der Bewegungsanalyse und -notation (System Laban), welches sie mit dem Cycle de perfectionnement abschloss. Sie arbeitete als Ballettmeisterin für das Atelier d’Envol und spezialisierte sich auf die Bearbeitung und Einstudierung notierter Tanzwerke des 20. Jahrhunderts. Für das Junior Ballet Lyon rekonstruierte sie in Zusammenarbeit mit Anna Markard Big City, eine Choreografie (1932) von Kurt Jooss. Diese Arbeit wurde vom WDR aufgezeichnet. Karin Hermes realisierte mehrere Tanzfilmdokumentationen in Zusammenarbeit mit Heidemarie Härtel des Deutschen Tanzfilminstituts. Sie notierte Choreografien von François Mal-kovsky, Lucinda Childs und Ether Winter. 2004–2007 war Karin Hermes künstlerische Leiterin des atempo repertory dance ensemble und experimentierte mit zeitgenössischen Auseinandersetzungen zu Werken von Yvonne Rainer, Dominique Bagouet, Anna Sokolow, Helen Tamiris, Lester Horton. 2007 gründete sie hermesdance in Bern (CH) und entwickelt seither eine eigene Tanzsprache, welche mit Schichten des Sichtbaren experimentiert. Als Künstlerin und Pädagogin hat sie unzählige Projekte für Kinder, Jugendliche und Profis verwirklicht. Von 2011–2015 leitete sie das Research Panel des International Council of Kinetographie Laban. Derzeit forscht sie über Re-Interpretationsprozesse historischer Tanzwerke und entwickelt ihr Spezialgebiet der Tanznotationen weiter. Hermes arbeitet eng mit bildenden Künstlern zusammen, u.a. mit Carmen Perrin für das Projekt Maternité am Krankenhaus Genf. Mit ihrem professionellen Ensemble hermesdance tourt sie international, reali-sierte Koproduktionen mit dem Centre National de la danse, Pantin-Paris und Zentrum Paul Klee Bern. Hermes ist Gastkünstlerin und -dozentin an Theatern und Hochschulen in Paris, Lyon, The Place und Trinity Laban London, Israel und Deutschland. Ihre Arbeit Betwixed and Between – Dialog with „Rooms“ by Anna Sokolow wurde für die ARTE-Produktion Dance-Rebells 2009 aufgezeichnet. 2016 hat sie den Schweizer Tanzpreis für das Projekt Sigurd Leeder, Kulturerbe Tanz erhalten. 2017 wurde ihre Arbeit mit dem Kulturvermittlungspreis des Kantons Bern ausgezeichnet. 2009 und 2017 erhielt sie vom Kanton Bern Werkbeiträge für ihre Choreografien In der grünen Ecke des Kreises und human rights.

Peter Jarchow, Dr. Prof. em., war während seines Studium in Klavier, Komposition und Improvisation an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin fünf Jahre als Pianist bei Jean Weidt und seiner Gruppe Junger Tänzer. Er absolvierte in dieser Zeit zudem Praktika an den Ballettschulen der DDR (Berlin, Leipzig, Dresden) und wurde Pianist zu den Internationalen Sommerkursen des Tanzes der Palucca Schule Dresden (heute Palucca Hochschule für Tanz Dresden), wo er 33 Jahre lang blieb. 1975–2004 übernahm er zusätzlich die Leitung (zeitweise in Co-Regie) der gattungsübergreifenden Winterkurse für Improvisation an der Palucca Schule Dresden. Nach seinem Studium wurde er 1967 musikalischer Mitarbeiter und Pianist in dem von Palucca vertretenen Unterrichtsfach Neuer Künst-lerischer Tanz an der Paluccaschule, bevor er 1975 an die Hochschule für Musik in Leipzig (heute: Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig) wechselte und dort bis 2010 Improvisation und Ballettkorrepetition lehrte (1992–1999 Professur). In dieser Zeit kam er auch an die neu gegründete Abteilung für Choreographie der damaligen schauspielzentrierten Theater-hochschule „Hans Otto“ in Leipzig an, wo er ab 1977 für 10 Jahre deren Bereichsleiter für musikalische Ausbildung war. Parallel arbeitete er 1979–1992 als Pianist, Improvisator und Musikdramaturg beim Ballettensemble der Sächsischen Staatsoper Dresden (1985–1987 stellv. Ballettdirektor). Seine Promotion zum Thema Spezifik der Ballettmusik schloss er 1986 an der Universität Leipzig ab. 1994 kam er an die Paluccaschule als deren Direktor zurück (bis 1997); gründete 1998 das Deutsche Insti-tut für Improvisation und nahm ein Jahr später den Ruf zum Professor für Tanz- und Ballettmusik an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin (bis 2010) an, wo er bereits seit 1988 eben-falls lehrte. Außerdem war er an verschiedenen Hochschulen und Universitäten Dozent und Gast-professor sowie als Musiker international tätig. Peter Jarchow hat darüber hinaus zahlreiche Texte zum Verhältnis Musik und Tanz und zur Geschichte des Modernen Tanzes in Deutschland veröffent-licht. Er war mehrfacher Preisträger beim Weimarer Improvisationswettbewerb (1970 1. Preis) und hat langjährige Erfahrungen als Jurymitglied (auch Vorsitzender) bei Wettbewerben für Choreografie, Tanz und Improvisation im In- und Ausland. Zudem war er Mitglied oder Vorsitzender von Findungs-kommissionen verschiedener deutscher hochschulischer Tanzinstitute. Seit seiner Emeritierung arbeitet er u.a. mit dem Tanzforum Villingen-Schwenningen unter Leitung von Dipl.-Choreografin Cornelia Widmer, dem exploratorium berlin, der Kirchenmusikalischen Fortbildungsstätte Schlüch-tern, SENECA INTENSIV – Bildungsprogramme für künstlerische Bewegung in Berlin sowie der Euro-pean Academy of Healing Arts in Klein Jasedow zusammen.

Eva Lajko erhielt ihre Tanzausbildung am Konservatorium der Stadt Wien (heute: MUK-Privat-universität der Stadt Wien). Sie unterrichtet Kreativen Kindertanz und zeitgenössische Tanzimpro-visation für Erwachsene, leitet Kurse und Workshops in der Chladek®-Tanztechnik, Körperwahr-nehmung und Yoga. Seit 2000 lebt sie in Saarbrücken und ist als Tänzerin, Choreografin und Päda-gogin in Deutschland und Österreich tätig. Gemeinsam mit dem Künstler Miguel Bejarano Bolívar gründete sie 2001 das MUsikTANzTHeater-Laboratorium MUTANTH, mit dem sie bereits zahlreiche Musiktanztheater-Produktionen in Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlern und Künstlerinnen unterschiedlicher kultureller und künstlerischer Herkunft verwirklichte. Darüber hinaus lehrte sie regelmäßig als Dozentin in der Berufsbegleitenden Ausbildung der Internationalen Gesellschaft Rosa-lia Chladek e.V. zur Bewegungs- und TanzpädagogIn im Chladek®-System. Seit 2009 ist sie die Leiterin der berufsbegleitenden IGRC-Ausbildung in Wien. Darüber hinaus führt sie an Grundschulen und in Kindergärten Tanztheater-Projekte durch.

Heide Lazarus, M.A., ist freie Produktionsdramaturgin, Kultur-, Tanz- und Theaterwissenschaftlerin. Arbeitsmittelpunkt ist Dresden. Dort war sie u.a. an der Sächsischen Staatsoper Dresden, dem Deutschen Hygiene Museum Dresden, der Trans-Media-Akademie Hellerau sowie bei den Festivals TANZWOCHE und tanzHERBST dramaturgisch oder organisatorisch tätig und hat als langjährig praktizierende Physiotherapeutin an der Palucca Hochschule für Tanz Dresden Anatomie unter-richtet. Sie ist die Initiatorin und Herausgeberin der CD-ROM Die Akte Wigman (2007), einem digitalen Katalog von Dokumenten der Wigman-Schule-Dresden und weiterer lokaler Schulen mit dem Digitalisat der Zeitschrift Tanz-Gemeinschaft (1929–1930), dem noch existierenden Auszug aus dem Hörspiel Trommel, Trommel, Gong von Eugen Kurt Fischer mit dem Geräuschstudio der Wigman-Schule-Dresden (1932) sowie weiteren kontextualisierenden Essays. Von 2007–2010 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt Systemische Körper? Kulturelle und politische Kon-struktionen des Schauspielers in schauspielmethodischen Programmen Deutschlands 1945–1989 (Leitung: Prof. Dr. Anja Klöck, Leipzig). Innerhalb von LINIE 08 von TanzNetzDresden entwickelte sie die Idee zur Reihe Spuren sehen, die sie auch kuratierte. Außerdem ist sie die Initiatorin von KARIN WAEHNER (1926–1999) – Eigensinnig in Zwischenräumen. Ein TANZFONDS ERBE Projekt, dessen Gesamtleitung sie innehat. Aktuell beendet sie ihre Dissertation zum Thema Tanz als Beruf, die mit einem Stipendium des Evangelischen Studienwerks Villigst unterstützt wurde. Sie war Mit-Initiatorin und vier Jahre Mit-Organisatorin von TanzNetzDresden sowie deren Veranstaltungsreihe LINIE 08 und ist zudem Mitglied in verschiedenen Berufs- und Interessenverbänden im Bereich Tanz und Theater.

Annette Lopez Leal, Univ.Doz., tanzte fünf Jahre beim S.O.A.P. Dance Theatre, Frankfurt (künst-lerische Leitung: Rui Horta). 1999 war sie Gasttänzerin bei Carte Blanche Danseteatre Bergen und realisierte 2000 und 2004 Projekte mit Biondidanza (künstlerische Leitung: José Biondi und A. Lopez Leal) mit Tourneen in Finnland, Norwegen und Spanien. 2001 war sie in einem Projekt mit MS Schrittmacher, Berlin und dem Staatstheater Oldenburg (künstlerische Leitung: Martin Stiefermann) beteiligt. Sie lehrte an den Tanzhochschulen in Frankfurt und Dresden und war Assistentin und Trainingsleiterin für das Tanzensemble des Staatstheaters Oldenburg. Seit dem WS 2008/2009 lehrt sie an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz. Dort habilitierte sie 2015 im künstlerisch-wissen-schaftlichen Bereich mit dem Thema: my body – my instrument. Als Universitätsdozentin lehrt sie Zeitgenössischen Tanz, Repertoire und Didaktik. Zudem ist sie zuständig für künstlerische Projekte im interdisziplinären Bereich der Universität – so z.B. 2018 zum 100. Geburtstag von Bernd Alois Zimmermann mit dem Forum Kammermusik der Universität in Linz. Ferner wird sie als Gastlehrerin gern eingeladen, u.a. für verschiedene Tanzensembles (Städtische Bühnen Osnabrück, Staatstheater Oldenburg, Theater Luzern) sowie an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt a.M. 2011/12 realisierte sie verschiedene Produktionen im Rahmen der Veranstaltungsreihe LINIE 08 von TanzNetz Dresden in HELLERAU-Europäischen Zentrum der Künste Dresden. Mit Bruno Genty verbindet sie eine von José Limón sowie physischer Dynamik und analytischer Musikalität inspirierte Arbeitsweise.

Jean Masse studierte in Paris Zeitgenössischen Tanz bei Karin Waehner. Er war Mitglied ihrer Tanz-kompagnie und später auch ihr Assistent. 1974 wurde er beim Concours chorégraphique inter-national de Bagnolet ausgezeichnet und gründete die Kompagnie Epiphane, für die er seitdem choreografiert. Gleichzeitig baute er zusammen mit dem Psychomotoriker Jacques Garros das Centre Lafaurie Monbadon auf (seit 1977 in Castets-et-Castillon, in der Nähe von Bordeaux). Dieser Ausbil-dungs- und Residenzort für zeitgenössischen Tanz, in dem sich Professionelle und Amateure be-gegnen, entwickelte sich in der Region Aquitanien mit Verbindungen nach Südeuropa und bis Beirut (bis 2009). Von 1981–1984 war er am Roy Art Theatre beteiligt und lehrte von 1993–1995 beim Ballet Atlantique (BARC, Leitung: Régine Chopinot). Für BARC war er sowohl als Berater als auch 1995–1996 als Tanzpädagoge für die angegliederte Berufsausbildung tätig. Seit seiner staatlichen Anerkennung als diplomierter Tanzpädagoge (1992) ist Jean Masse für den zeitgenössischen Tanz auch auf dem Gebiet von „Tanz in Schulen“ der nationale Experte für die Region Aquitanien. Darüber hinaus ist er pädagogischer und künstlerischer Co-Direktor des Centre Lafaurie Monbadon, das mit den Prinzipien des zeitgenössischen Tanzes nach Karin Waehner sowie der Körperarbeit nach Hilde Peerboom (eine Schülerin von Rosalia Chladek und Partnerin von Yvonne Berge) arbeitet. In den Kursen wurde eine große Anzahl von Tänzer_innen unterrichtet, die für den zeitgenössischen Tanz in Frankreich bedeutsam wurden. Andere Tänzer_innen wurden in ihrer Grundausbildung unterstützt und sind heute anerkannte zeitgenössische Choreografen und Tanzpädagogen in Frankreich. Jean Masse ist Gründungs- und Vorstandsmitglied der Gesellschaft Karin Waehner – Les Cahiers de l’Oiseau. Als Kenner und offizieller Vermittler der Arbeitstechniken von Waehner ist er seit 1999 deren treu-händerischer Verwalter. Dadurch ermöglichte er beispielsweise drei Notationsprojekte: die Benesh-Notation des Solos L’Oiseau qui n’existe pas (dt.: Der Vogel, der nicht mehr fliegt) durch Véronique Gemin-Bataille (2006) sowie die Labanotationen von Teilen der Choreografie Les Marches (dt.: Die Stufen) durch Elena Bertuzzi (2010) und des Trios aus Sehnsucht durch Christine Caradec (2012).

Tim Rubidge studierte Tanz und Tanzpädagogik bei Sigurd Leeder in Herisau (CH). Seit 1975 er-arbeitete und entwickelte er viele Werke im modernen bzw. zeitgenössischen Tanz. Mit diesen Solo- und kleinen Ensemble-Choreografien ist er nicht nur in Städten und Gemeinden Großbritanniens, sondern international in Europa, den USA und Südafrika aufgetreten. Parallel dazu entwickelte und leitete er Kooperations- und Partizipationsprojekte sowie Residenzen in verschiedenen Kulturein-richtungen und auch in nicht-künstlerischen Settings, wobei mittels Tanz Themen wie Identität und Beziehungen mit anderen thematisiert wurden. In den letzten Jahren hatte sich seine Arbeit auf Site-Spezific-Choreografien konzentriert, die durch städtische und ländliche Orte und ebenso durch ihre spezifische physische als auch soziale Umgebungen inspiriert waren. Mittels eines fantasievollen Prozesses erkundete und realisierte er dabei Performances, die im Tanz sowohl den Dialog zwischen den Tänzern, als auch die Identität des Platzes sowie die physischen und sensorischen Erfahrungen verbunden haben. Tim Rubidge war an kulturellen Austauschprogrammen beteiligt und hat an ver-schiedenen Universitäten unterrichtet. Beispielsweise war er von 2008–2011 an der Northumbria University in Newcastle upon Tyne (UK) Gastprofessor für Choreografie. 2015/2016 hat er das Forschungsprojekt Make/Shift konzipiert und geleitet, das der Frage nachging, wie sich zeitgenös-sische choreografische Praxis mit der Flüchtlingserfahrung der Vertreibung und Migration beschäfti-gen könnte, vermittelt über die Ungleichheit des Kontextes von verschiedenen Teilnehmergruppen. 2016/2017 entwickelte er für sich die Hope Etudes, das sind vier einander verbundene Miniatur-Choreografien, die aufgeführt werden, um eine Art „Hoffnungslandschaft” zu schaffen; die Inspiration dazu waren Solo-Dialoge mit der Vergangenheit und Gegenwart. Im Laufe der Jahre hat Tim Rubidge viele Subventionen und Preise für seine Arbeit erhalten.

Kirsten Seeligmüller ist Mitbegründerin und Mit-Geschäftsführerin des DOCK 11 & EDEN***** GmbH (gemeinnützig) in Berlin. Sie hat eine Graphiker- und Schriftsetzer-Ausbildung absolviert und eine Tanzausbildung an der Erika Klütz Schule Hamburg. 1994 gründete sie in Berlin zusammen mit Wibke Janssen das Kulturzentrum DOCK 11, das gleichzeitig sowohl eine Schule als auch ein choreo-grafisches Zentrum und ein Aufführungs- und Probenort ist. 2004 wurde mit EDEN***** ein zweiter Standort aufgebaut. Zudem war sie in der Koalition der freien Szene Berlin aktiv. 2006 initiierte sie zusammen mit Anja Weber das Recherche-Projekt Im Prinzip-Tanztechnik? – Zeitgenössische Tanz-techniken, Tanzmethoden, Tanzsysteme im Vergleich für das Berliner Hochschulübergreifende Zentrum Tanz. Sie leitete u.a. 2015 das Projekt POST – Ausdruckstanz in Israel, Deutschland und im Butoh. Beim gtf-Workshop Festival wird sie den Spuren ihrer eigenen Tanzbiographie nachgehen und mit den Ergebnissen ihrer tänzerischen Recherchen zum Modernen Tanz verknüpfen.

Biographien der beim gtf- Workshop-Festival thematisierten Grenzgänger und Brückenbauer des modern-zeitgenössischen Tanzes in Europa

Rosalia Chladek (1905-1995)

Die Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin wurde 1905 in Brünn (Brno, heute Tschecho-slowakei) geboren, wo sie in ihrer Jugend bei Margarete Kalab eine rhythmisch-musikalische Basiserziehung erhielt (1918-1921). Anschließend studierte sie drei Jahre an der Schule für Rhythmus, Musik und Körperbildung Hellerau bei Dresden. Nach ihrem Studienabschluss (Lehrdiplom für Körperbildung) wurde sie 1922 Mitglied in der Tanzgruppe Kratina der Schule Hellerau, in der sie einige Rollen kreierte (z.B. in Kratinas Choreografie Der holzge-schnitzte Prinz oder in Der Mensch und seine Sehnsucht) und im darauffolgenden Jahr hatte sie außerdem in Dresden ihr eigenes Debüt als Solotänzerin. 1924 bis 1928 lehrte sie an der Schule Hellerau und nach deren Übersiedlung nach Österreich (1925) in die Nähe von Wien, an der Schule Hellerau-Laxenburg; 1926 trat sie in Wien mit Suite im alten Stil auch als Solotänzerin auf. 1928 erhielt sie eine Einladung zum 2. Deutschen Tänzerkongress in Essen und feierte ihr Debüt in Berlin. Anschließend hat Chladek das Angebot der Leitung der Aus-bildungsstätte für Gymnastik und Tanz am Konservatorium Basel (Schweiz) angenommen und begann, aus den grundlegenden gymnastischen Inhalten ein eigenes System der moder-nen tänzerischen Erziehung zu entwickeln, dessen Bewegungen aus den Gesetzmäßigkeiten des Körpers abgeleitet werden. Gleichzeitig leitete sie auch die Tanzgruppe des Basler Kon-servatoriums und war als Choreografin am Stadttheater Basel tätig, wo sie u.a. die Stücke Die Geschichte vom Soldaten, Petruschka, Don Juan und „Pulcinella“ inszenierte. Mit ihrer Basler Tanzgruppe nahm sie am 3. Deutschen Tänzerkongress in München teil und danach wurden in Wien Elemente-Zyklus, Rhythmen-Zyklus und Figuren aus Petruschka aufgeführt. Von 1930 bis zur Schließung der Schule 1938 durch die Nationalsozialisten war Rosalia Chladek die künstlerische Leiterin der Tanzgruppe und sie hatte an der Schule Hellerau-Laxenburg auch die gymnastische und tänzerische Ausbildung geleitet. 1931 war sie bei den Wiener Festwochen beteiligt, die unter dem Motto Festliche Tanzsuite standen. 1932 ge-wann sie in Paris mit Les Contrastes den 2. Preis beim Großen Internationalen Wettbewerb für Choreografie und 1933 ebenfalls den 2. Preis beim Ersten Internationalen Wettbewerb für Künstlerischen Tanz in Warschau. Bis 1952 wirkte sie regelmäßig bei den Festspielen in Italien mit und absolvierte Gastspiele in Paris. 1934 choreografierte und tanzte Chladek die Hauptrollen in Marienleben und Jeanne d’Arc. Zum zehnjährigen Bestehen der Schule Hellerau-Laxenburg, deren Ausbildungskurse damals von einer internationalen Schülerschaft besucht wurden, schuf Chladek 1935 die Choreografie La Danza. Ein Jahr später wirkte sie in Totengeleite mit und erarbeitete die Mythologische Suite mit Narcissus, Pythia und Waffen-tanz der Penthesilea. Nach Kriegsende ergänzte sie diesen Zyklus noch mit den Stücken „Daphne“ und „Agaue“ (1946). Mit ihrer Tanzgruppe absolvierte Chladek Gastspiele in Paris und Rom, 1938 fand noch eine Tournee durch Schweden, Estland, Lettland, Polen und die Niederlande statt, in der u.a. die Erzengel-Suite zur Aufführung kam, 1940 hatte sie ein Gast-spiel in Rom und absolvierte mit Alexander Swaine eine Tournee durch Indonesien. Darüber hinaus führte Chladek im selben Jahr erstmals Regie an der Wiener Staatsoper bei der Oper Orpheus und Eurydike (1940) und wurde als Choreografin und Solotänzerin an die Deutsche Tanzbühne in Berlin verpflichtet. Sie leitete dort zwei Jahre die Moderne Tanzausbildung an den Deutschen Meisterstätten für Tanz. Nach ihrer Rückkehr nach Wien übernahm sie die Leitung der Ausbildungsstätte für Bühne und Lehrfach am Konservatorium der Stadt Wien (1942 bis 1952). In dieser Zeit entstanden u.a. Ein romantisches Liebesschicksal – Die Kame-liendame (1943) und mit Echo-Gesänge (1946) gesprochene und getanzte Lyrik. Es folgten weitere Arbeiten, wie z.B. die choreografische Gestaltung des Jedermann (1947) bei den Salzburger Festspielen. Ab 1948 internationale Gastlehrertätigkeit (u.a. Internationale Som-merkurse des Schweizer Berufsverbandes für Tanz und Gymnastik sowie zahlreiche Gast-kurse im gesamten europäischen Raum. 1949 choreografierte sie Die vier Temperamente, Pantea sowie Peter und der Wolf (Regie: Gustav Manker) und 1951 gab sie ein Gastspiel in New York sowie Auftritte der Tanzgruppe Rosalia Chladek in Wien, u.a. mit Afro-amerikani-scher Lyrik und From Morning to Midnight sowie Tourneen durch Italien, Deutschland und die Schweiz.

1952 wird Rosalia Chladek schließlich zum Vorstand der Abteilung für künstlerischen Tanz an der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien berufen, 1967 wird sie zur Hoch-schulprofessorin ernannt und von 1962 bis 1977 leitete sie den eigenständigen Hochschul-lehrgang „Moderne tänzerische Erziehung und Tanzpädagogik – System Rosalia Chladek“. 1972 erfolgte die Gründung der Internationale Gesellschaft Rosalia Chladek (IGRC) mit Arbeitsgemeinschaften, die in Österreich, Deutschland, in der Schweiz, Italien und Frankreich aktiv sind und in Kursen die von ihr entwickelte Technik und ihre Lehrweise verbreiten.

Rosalia Chladek hatte als herausragende Ausdruckstänzerin und Pädagogin ein immenses choreografisches Werk geschaffen, nicht nur im Bereich des künstlerischen Bühnentanzes, sondern auch im Rahmen von Schauspiel, Oper, Operette, Film und Fernsehen. Für ihr Lebenswerk wurde Rosalia Chladek u.a. 1960 mit dem Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse ausgezeichnet und 1971 erhielt sie die Goldene Ehrenmedaille der Stadt Wien 1971, sie war Ehrenmitglied der deutschen Akademie des Tanzes und außerdem wurde ihr der Eschilo d’Oro Italiens verliehen,

Sigurd Leeder (1902-1981)

Bereits als Student an der Hamburger Hochschule der Bildenden Künste und war Sigurd Leeder – ohne eine professionelle Ausbildung erhalten zu haben – als Schauspieler, Tänzer sowie Kostüm- und Bühnenbildner an den Hamburger Kammerspielen engagiert. Sein erstes Solo Tanz ohne Musik schuf er 1920, seit 1921 schuf er in Hamburg auch Choreografien für seine Tanzgruppe und gab Solo-Tanzabende. 1923 tanzte er bei einer Tournee mit der Münchner Tanzgruppe von Jutta von Collande. 1924 begründete er mit Kurt Jooss das En-semble Neue Tanzbühne am Theater Münster und war bis 1947 engster Mitarbeiter und Partner von Kurt Jooss, mit dem er gemeinsame Tanzabende gestaltete (u.a. Zwei Tänzer). Ab 1927 bauten Kurt Jooss und Sigurd Leeder zusammen in Essen die Folkwang-Schule und das Folkwang-Tanz-Theater-Studio auf. welches später zu den Ballets Jooss wurde und für das Leeder als Tänzer, Ballettmeister und Kostümbildner arbeitete. Als Kurt Jooss 1933 mit seinem gesamten Ensemble nach England emigrierte, folgte ihm Sigurd Leeder. Ab 1934 führten Jooss und Leeder in Dartington Hall (GB) gemeinsam die Jooss-Leeder-School of Dance. Nach Auflösung der Ballets Jooss und der gemeinsam geleiteten Ausbildungsstätte in Dartington gründete Sigurd Leeder 1947 in London eine eigene Schule mit Studiogruppe, die in England eine der renommiertesten Ausbildungsstätten für Modernen Tanz war. Er unter-richtete eine internationale Schülerschaft und wurde als ein herausragender, geradezu be-gnadeter Tanzpädagoge geschätzt, der international als Referent zu Gastkursen eingeladen wurde, u.a. zu den Sommerkursen des Schweizer Tanz- und Gymnastiklehrerverbandes, wie auch Mary Wigman, Rosalia Chladek, Harald Kreutzberg etc. Seine Unterrichtsmethodik zur Vermittlung der tanztechnischen Grundlagen des Modernen Tanzes baut sich in Spiralform vom Einfachen zum Komplexen, vom Kleinen zum Großen auf und er griff außerdem auf die Lehren Labans zurück. 1959 übergab er die Leitung seiner Schule an seine Assistentinnen June Kemp und Simone Michelle und nahm einen Ruf als Gastprofessor an die Universität von Santiago de Chile an. Von 1959 bis 1964 leitete Sigurd Leeder die Tanzabteilung der Uni-versität von Santiago de Chile. Die Londoner Schule musste 1965 aufgrund der in Groß-britannien starken Hegemonie des Klassischen Tanzes und der Konkurrenz von Schulen, welche den aus USA kommenden Modern Dance unterrichteten, endgültig schließen. Sigurd Leeder unterrichtete von 1964 bis zu seinem Tod 1981 mit Grete Müller an der Sigurd Leeder School of Dance in Herisau und bildete eine beträchtliche Zahl angehender Tanzschaffenden und Tanzpädagog_innen aus, die nicht nur aus der Schweiz kamen, sondern auch von Nach-barländern. Dadurch hat Sigurd Leeder auch maßgeblichen Anteil an der Entwicklung der Freien Tanzszene und des zeitgenössischen Tanztheaters genommen. Leeder konnte Tanz-bewegungen mit präzise und differenziert analysieren und er motivierte die Tanzstudie-renden, auch in den zu Trainingszwecken komponierten Tanzetüden mit ihrem eigenen Bewegungsausdruck zu tanzen. Sein Lehrkonzept entwickelte er auf der Basis des Laban-Systems, auch wenn er selbst nicht zu dessen unmittelbarem Schülerkreis gehörte. Die von ihm geschaffenen grundlegenden Etüden in Tanztechnik, Eukinetik und Choreutik hat er mit seinen Studierenden in der Labanotation schriftlich aufgezeichnet. Sigurd Leeder wurde 1959 in den International Council of Kinetography Laban (ICKL) berufen und gab wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Kinetografie Laban. 1979 wurde er zum Vorsitzenden des ICKL gewählt.

Erika Klütz (1908-1905)

Erika Klütz arbeitete als klassisch ausgebildete Tänzerin in Schwerin und Rostock. Ihr Inter-esse für den Modernen Tanz führte sie auf andere Wege: „Nur der moderne Tanz mit seiner aus den natürlichen Bewegungsmöglichkeiten entwickelten Technik“ ist imstande, „das veränderte Lebens- und Zeitgefühl der zwanziger Jahre aufzugreifen und zu gestalten.“ Sie gab in Rostock ihre Stellung als Solotänzerin auf und begann ihr Studium 1929 in der Wig-man Schule Berlin bei Margarethe Wallmann und später in Dresden, wo sie auch ihre Abschlussprüfung ablegte. Nach Abschluss der Tanzpädagogik Ausbildung wurden Erika Klütz mit ihrer Kollegin Gisela Sonntag von Mary Wigman als Assistentinnen engagiert. An der Wigman-Schule unterrichtete Erika Klütz die Anfängerklasse der Tanzausbildung und die Kinderklassen. 1934 wurde sie Mitglied der Mary Wigman Tanzgruppe, die auf ausgedehnten Gastspielreisen in ganz Europa auftrat. Nach Auflösung der Tanzgruppe von Mary Wigman lehrte sie an den Meisterstätten für Tanz in Berlin (1936 bis 1939). Auf diese Weise arbeitete sie mit Harald Kreutzberg, Max Terpis, Tatjana Gsovsky, Tamara Rauser, Marianne Vogelsang und Mary Wigman zusammen. Sie übernahm den Unterricht von Mary Wigman, wenn diese nicht in Berlin war und trat als Solotänzerin in der Freien Volksbühne Berlin auf.

Während der Kriegsjahre wurde Erika Klütz Ballettmeisterin und erste Solotänzerin am Staatstheater Schwerin und leitete die Abteilung Tanz am Mecklenburgischen Konservato-rium. Mit einem von der englischen Militärbehörde organisierten Künstlertransport kam Erika Klütz nach Hamburg und wurde zunächst Ballettmeisterin und Leiterin der Kinder- und Elevenausbildung an der Hamburgischen Staatsoper. Nach der Rückkehr des in Gefangen-schaft geratenen Ballettmeisters Max Aust eröffnete Erika Klütz in Hamburg ihre eigene Schule für Theatertanz und Tanzpädagogik. Auf der Grundlage der Zusammenarbeit mit Mary Wigman entwickelte Erika Klütz im Laufe ihrer jahrzehntelangen Unterrichtspraxis ihren ganz eigenen Stil und eine offene Haltung, die sie fast 60 Jahre an Generationen von Tänzer_innen weitergegeben hat.

Marianne Vogelsang (1912-1973)

In ihrer Heimatstadt Dresden besuchte Marianne Vogelsang das Mädchen-Gymnasium und gehörte danach von 1929 bis1933 zum Kreis von Gret Paluccas ersten Schülerinnen. Ihr Diplom für Tanz und Tanzpädagogik erhielt sie am 31. Mai 1933. Zudem gehörte sie bis 1934 neben Herta Fischer und Charlotte Hölzner dem bekannten Palucca-Trio an, die u.a. mit dem Arabesque-Stück (nach Cassado) auftraten oder mit Grazioso, einer Volksmusikadaption. Des Weiteren tanzte Marianne Vogelsang mit Palucca auch in Cantion (Musik: Granados). 1935 gab sie dann ihren ersten Tanzabend und ging zu Rudolf von Laban an die Deutsche Tanz-bühne und unterrichtete an dieser Einrichtung zur kostenlosen Weiterbildung von arbeits-losen Tänzer_innen Modernen Tanz. 1936 ging sie als Lehrerin an die von Laban mitge-gründeten Meisterstätten für Tanz in Berlin, und von 1938 bis 1940 lehrte sie an der Folkwang-Schule in Essen. Während des Krieges kehrte sie nach Berlin zurück und unter-richtete dort zwei Jahre an mehreren klassischen Tanzschulen, u.a. mit Tatjana Gsovsky und Tamara Rauser. Nach dem Krieg war Marianne Vogelsang in Rostock als Leiterin der Arbeits-gruppe Tanz der Hochschule für Musik engagiert. An der der Rostocker Musikhochschule unterrichtete sie bis 1948. Sie trat weiterhin als Tänzerin auf, und tanzte nach der Musik von Corelli, Bach, Rameau, Chopin und Skrjabin, ferner gibt es Verweise auf einen Zyklus mit dem Titel Ahnung – Ferne – Zwiespalt – Weg. Ebenso nahm sie Musik von Ullrich Keßler (z.B. beim Tanzzyklus Die sieben Todsünden) und ein breites Spektrum europäischer Musik und Volksweisen als Vorlage für ihre Tänze.

1948 übernahm sie eine eigene Ausbildungsschule in Berlin und war zusätzlich bis 1950 Mit-arbeiterin des Mary Wigman-Studios. Als ihre eigene Schule in Weißensee später mit der Staatlichen Fachschule für künstlerischen Tanz Berlin vereinigt wurde, leitete sie dort von 1951 bis zu deren Auflösung 1958 die Abteilung für Modernen Tanz. Danach gastierte sie an verschiedenen Berlinern Theatern und beim Deutschen Fernsehfunk, schuf für Iphigenie in Aulis an der Deutschen Staatsoper Unter den Linden die Choreografie und tanzte die Rolle der Marte Rull in einem Ballett zu Kleists Der zerbrochene Krug (Chr.: Anni Peterka). Ferner wirkte sie in einer berühmten Faust-Inszenierung von Wolfgang Langhoff mit, in der Ernst Busch den Mephisto spielte.

Nach ihrer pädagogischen Tätigkeit am Institut für Bühnentanz in Köln (1963-1965) war sie ab 1965 Dozentin an Volkshochschulen verschiedener West-Berliner Bezirke und als freie Mitarbeiterin an der Musikhochschule Hannover aktiv. Ihre letzten Choreografien schuf sie 1972 und 1973 mit den Fünf Präludien aus dem Wohltemperierten Klavier von Bach, die sie nur wenige Wochen vor ihrem Tod in Dresden an Manfred Schnelle übertrug. Sie sind ein beispielhaftes Zeugnis, in welchem Tanzverständnis sie arbeitete und wie sie Tänzer, Bewe-gung, Raum und Musik sinnvoll zu einem Ganzen gestalten vermochte.

In der von ihr verantworteten Tanzausbildung gehörten die Einführung in die Musik und die Vermittlung von Technik und tänzerischer Gestaltung ganz selbstverständlich zusammen, in dem Verständnis einer praktischen Musikerziehung, bei der Formenlehre, Stil, rhythmische Gegebenheiten und motivische Charakteristika vermittelt wurden. Ihr Hauptanliegen war es, dass Tänzer_innen selbst zur Gestaltung ihrer Tänze finden. Mit dieser Tanzauffassung ent-stehen die Technik und die künstlerische Form aus der Idee des Tanzes. Marianne Vogelsang griff in ihrem Unterricht auch Beispiele aus dem Historischen Tanz auf. Ihre Studierenden erlernten Renaissancetänze oder erarbeiteten alte Musik in freier Gestaltung und am Bei-spiel von Béla Bartók erfuhren sie mögliche Bezüge zur zeitgenössischen Musik. Tänze zu Musiken von Brahms und Robert Schumann fanden eine Ergänzung durch eine Bezugnahme zur bildenden Kunst, beispielsweise zu Barlach. Für eine Filmproduktion des Fernsehens hatte sie mit Tänzern Barlach-Gestalten interpretiert.

Karin Waehner (1926-1999)

Karin Waehner gilt als eine der künstlerischen Erben der Choreografin, Pädagogin und Tän-zerin Mary Wigman (1886-1973). Sie wurde in Frankreich eine wichtige Wegbereiterin für den modernen und zeitgenössischen Tanz. Insbesondere Waehners tanzpädagogischer An-satz bezieht sich auf die Lehrweise von Mary Wigman: „Was sie [Wigman] lehrte, war ein Schlüssel.“, so meinte Waehner. 1945 kam die junge Frau zusammen mit ihrer Mutter, die selbst Tänzerin und Tanzpädagogin war und nach den Lehren von Mensendieck, Dalcroze/ Chladek und Mary Wigman unterrichtete, als Sudetendeutsche nach Dresden. Dort begann sie ihre Körper- und Bewegungsschulung an der Menzler-Marsmann-Schule Hellerau bei Dresden, strebte aber stärker nach einem eigenen expressiven Ausdruck. 1946, nach Kriegs-ende fand sie so den Weg zu Mary Wigman nach Leipzig in deren private Tanzschule, wo sie später auch Anfänger-Klassen unterrichtete und in deren Tanzgruppe sie tanzte. 1949 erhielt sie von Mary Wigman ihr Diplom für Pädagogik, Choreografie und Bühnentanz. Nach einem Jahresengagement am Theater Giessen folgte sie 1950 zusammen mit ihrer Mutter ihrem Bruder aus finanziellen Gründen nach Buenos Aires. Dort tanzte und unterrichtete sie in der Tanzschule von Otto Werberg, einem ehemaligen Tänzer von Margarethe Wallmann und Kurt Jooss. In den 1950er Jahren kehrte sie nach Europa zurück und zog nach Paris. Hier konnte sie ihre ganze künstlerische Kraft entfalten, besuchte aber, soweit es ihr möglich war, bei Wigman jeden Som-merkurs, „um mir dort wieder ein bisschen Kraft zu holen für das Ausland“ (nach einem Interview mit Patricia Stöckemann 1990). Dem Rat von Marcel Marceau folgend, studierte sie zunächst bei Etienne Decroux Pantomime, verließ aber bald wieder diese Ausrichtung des künstlerischen Körperausdrucks.

Mitte der 1950er Jahre begann die Zusammenarbeit mit weiteren Choreografen, Tänzern und Pädagogen des Modernen Tanzes, die damals in Frankreich zur bestimmenden Tanz-Avantgarde gehörten: Jacqueline Robinson, Françoise und Dominique Dupuy sowie Jerome Andrews. 1959 gründete sie ihre eigene Tanzgruppe „Les ballets contemporains Karin Waeh-ner„, welche über mehrere Jahre tourte. Zudem gelang es ihr, in den 1950er Jahren erfolg-reich den zeitgenössischen Tanz in die Ausbildung von Gymnastiklehrer_innen an der da-maligen Sporthochschule (ENSEP, École supérieure d’éducation physique) in Paris zu imple-mentieren und gab in der Folgezeit an vielen weiteren französischen Sportinstituten Kurse zu ihrer Methode. Auf ihre Anregung hin erweiterte 1960 die traditionsreiche private Musik-hochschule Schola Cantorum in Paris (heute: Hochschule für Musik, Tanz und Theater) ihre bisherige ballettzentrierte Tanzausbildung um eine Abteilung für Modernen Tanz, deren Leitung sie übernahm. Sie unterrichtete nach ihrer eigenen, mehr und mehr sich entwickelnden Philosophie und Lehrweise. Viele Tänzer und Tänzerinnen kamen zu ihr, um sich auszu-bilden und auch, um den Reichtum eines Tanzunterrichts zu erfahren, bei dem sich die Ent-wicklung von tänzerischer Technik und Kreativität miteinander vermischten. So studierten u.a. Kiliana Cremona, Jean Pomarès, Odile Cougoule, Jean Christophe Bleton, Angelin Preljo-cai und Bruno Genty bei ihr. Von 1971 bis 1978 unterrichtete Karin Waehner im Centre d’ Action Culturelle (CAC) an dessen Bühne „Les Gémeaux de Sceaux“ Modernen Tanz, danach lehrte sie am Konservatorium von Bagnolet. Neben ihrer Lehrtätigkeit war Waehner wieder stärker choreografisch aktiv. Anlässlich der Ausstellung Paris – Berlin (1900–1933) im Centre Pompidou in Paris wurde sie 1979 beauftragt, für einen Film über den deutschen Expressio-nismus (Regie: Pierre Defonds) sechs Choreografien zu schaffen. Im Zuge dieser Arbeit re-flektierte sie ihre eigenen expressionistischen Wurzeln, die dann in ihren späteren Tanz-stücken sich wieder deutlicher erkennbar wurden. 1882 wird sie zur Professorin für Moder-nen bzw. zeitgenössischen Tanz an das Konservatorium für Musik und Tanz La Rochelle berufen. Damals war es in Frankreich das erste Konservatorium, das einen eigenen Lehrstuhl für modern-zeitgenössischen Tanz eingerichtet hatte. Nach fünf Jahren kehrte sie nach Paris zurück und war fortan vorwiegend als Gastlehrerin tätig. Sie gab Kurse am von ihr 1964 mit-gegründeten Centre international de la Danse (CID) in Paris, arbeitete mit der Kompagnie von Joseph Russillo (Toulouse) und unterrichtete im professionellen Tanzausbildungszen-trum von Walter Nicks (Poitiers) sowie am Centre de Danse Contemporaine et Afro-Améri-caine „Free Song“ in Paris. Außerdem lehrte sie als Gastdozentin an verschiedenen Universi-täten, wie z.B. an der Tanzhochschule Turin sowie an der Universität Montpellier, Universität Bremen und an der Universität Strasbourg. Im Rahmen eines tanzwissenschaftlichen Kon-gresses an der Pariser Sorbonne (1990) referierte sie über „die Lehre eines evolutionären, wandlungsfähigen Tanzes“ und erläuterte ihr Tanzverständnis und ihren tanzkünstlerisch-pädagogischen Ansatz.

Darüber hinaus leitete sie seit 1981 in Zusammenarbeit mit dem Psychomotoriker Jacques Garros (Körperarbeit) und dem Tänzer und Choreografen Jean Masse (Zeitgenössischer Tanz) regelmäßig bis zu ihrem Todesjahr 1999 Sommerkurse am Centre Laufaurie-Montadon in Castillon de Castets im Département Gironde. Diese wurden von vielen Tanzkünstlerinnen und -künstlern besucht, die zur Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes maßgeblich beigetragen haben. In den 1990er Jahren war sie zusammen mit Françoise und Dominique Dupuy am Ausbildungsinstitut für Tanz- und Musikpädagogik (Institut de formation des enseignants de la danse et de la musique, IFEDEM) in Paris im Rahmen der neu eingeführten staatlichen Diplom-Ausbildung für Zeitgenössische Tanzpädagogik engagiert und war mit Lehraufgaben und Konzeptionsaufgaben betraut. Darüber hinaus wirkte sie am Aufbau der von Dominique Dupuy geleiteten Tanzabteilung des Instituts für Musikalische und Choreographische Päda-gogik (IPMC) mit. Diese Einrichtung war mit der Archivierung, Dokumentation, Forschung und Weiterbildung auf dem Gebiet der Zeitgenössischen Tanzkunst betraut und veranstaltete internationale Tagungen.

1993 veröffentlicht Karin Waehner (zusammen mit Odile Cougoule) ihren „choreografischen Werkzeug-Kasten“ Outillage chorégraphique (Paris: Vigot). In diesem Lehrbuch fasste sie ihren Ansatz zusammen und erläuterte die Strategien und die von ihr genutzten „handwerk-lichen“ Mittel dieses Schaffensprozesses.

Einige beispielhafte Choreografien von Karin Waehner sind „l’oiseau qui n’existe pas“/ „der Vogel, die nicht existiert“ (1963), „Poème“/ „Gedicht“ (1965), „Labyrinthe“ (1972), „Les marches“/ „die Treppen“ (1980), „Sehnsucht“ (1982), „exode“/ „Exodus“ (1988)/ „celui sans nom“/ „Namenlos“ (1990).

1999 wurde die „Association Karin Waehner Les Cahiers de l’Oiseau“.gegründet, damit das umfangreiche Schaffenswerk der Künstlerin und Pädagogin im kollektive-kommunikativen und kulturellen Gedächtnis von einer institutionellen Einrichtung heraus gesichert, gepflegt und weitergegeben werden kann.

Quellenangaben sowie weiterführende Literatur zu den hier vorgestellten künstlerischen und pädagogischen „Grenzgängern“ und „Brückenbauern“ sind bei Claudia Fleischle-Braun erhältlich (claudia.fleischle@arcor.de).

 

Filmaufzeichnung
MEHR

Aufzeichnung der Rekreation von "celui sans nom" am 14. März 2018 im DOCK 11, Berlin

Interview mit den beteiligten Künstlern
MEHR
Aufführungstermine
MEHR
  • 14.03.2018 | DOCK 11 Theater, Berlin – Premiere mit Einführung um 18 Uhr und anschließendem Publikumsgespräch
  • 15.03.2018 | DOCK 11 Theater, Berlin – mit Einführung um 18 Uhr
  • 17.03.2018 | DOCK 11 Theater, Berlin
  • 26. & 27.04.2018 | Theaterhaus RUDI – im Rahmen der TANZWOCHE DRESDEN 2018 (gefördert durch die TANZFONDS ERBE-Gastspielförderung)

Rahmenprogramm (Detaillierte Informationen siehe Flyer Programmankündigung)

  • 12.03.2018 | Alexanderplatz Berlin
    Outdoor-Performance zum 92. Geburtstag von Karin Waehner mit Auszügen aus „celui sans nom“ in der Originalfassung von 1990 (ohne Musik)
  • 15.03.2018 | DOCK 11 Theater
    Podiumsdiskussion „Kunst Migration Heimat“ (Teil1)
  • 16.03.2018 | DOCK 11 Theater
    Podiumsdiskussion „Kunst Migration Heimat“ (Teil2)
  • 17.03.2018 | DOCK 11 Theater
    Vortrag der Tanzwissenschaftlerin und Editorin Josephine Fenger (Berlin)
„Karin W..….er? Die Tanzvermittlerin/ La passeuse de danse“ – Biografische Einführung mit Textpassagen aus Briefen von Karin Waehner und Mary Wigman
  • 17.03.2018 | DOCK 11 Theater
    Podiumsdiskussion „Geschichte(n) erben?“ in Kooperation mit gft WORKSHOP-FESTIVAL
  • In Kooperation mit der Gesellschaft für Tanzforschung (gtf):
    16. – 18.03.2018 | DOCK 11 Theater
    gtf WORKSHOP FESTIVAL „Transnationale Konzepte im modernen Tanz“
    mit Workshops, Perfomances, Talks

Weitere Informationen finden Sie hier

 

BILDERGALERIE

DAS KÖNNTE SIE AUCH
INTERESSIEREN:

Video: Jeff Friedman über Oral History

Der Choreograf und Tänzer Prof. Dr. Jeff Friedman ist der Gründer von Legacy, einem Oral History-Archiv in San Francisco. Im Interview spricht er über das Potential von Zeitzeugenberichte für die Archivierung und Vermittlung von Tanzwissen.MEHR

Bauhaus Tanzen

Neuinterpretation der von 1926 bis 1929 entstandenen Bauhaus-Tänze von Oskar Schlemmer durch Tänzer und Choreografen des Anhaltischen Theater Dessau und des HZT Berlin.MEHR