PROJEKTE

> DOKUMENTATION 2017

Die Projektdokumentation gibt Einblicke in den Entstehungs- und Arbeitsprozess von "The Complete Expressionist".

Christoph Winkler:
The Complete Expressionist – Musique Concrète and Modern Dance

 

Der Tänzer, Choreograf und Komponist Ernest Berk wurde 1909 in Köln geboren und studierte an der Rheinischen Musikschule Geige und Improvisation sowie am Institut der Wigman-Schülerin Chinita Ullmann Tanz und Improvisation.

Nach seinem ersten Solotanzabend 1929 in Köln entwickelte er sich schnell zu einem gefragten Künstler, der u.a. von Max Reinhardt als Puck für seine legendäre "Sommernachtstraum"-Inszenierung engagiert wurde. Seine Karriere nahm ein jähes Ende, als er 1934 Deutschland aufgrund seiner jüdischen Herkunft verlassen musste. Er zog nach London, baute hier als Pionier der elektronischen Musik ein eigenes Studio auf, gründete eine Improvisationsgruppe und arbeitete weiter als Solotänzer.
Von 1985 bis zu seinem Tod 1993 lebte Berk in Berlin, wo er an der Hochschule der Künste lehrte und weiterhin als Tänzer und Schauspieler arbeitete.

Sein Werk, das sich durch die stilistisch ungewöhnliche Verbindung von Modern Dance und Musique Concrète auszeichnet, ist weitestgehend in Vergessenheit geraten.

Der Berliner Choreograf Christoph Winkler hatte sich mit seinem Projekt das Ziel gesetzt, einen Abend zu entwerfen, der die ganze Bandbreite des künstlerischen Schaffens Berks abbildet: Die Rekonstruktion verschiedener Kurzchoreografien wurde durch Aufführungen der Kompositionen für elektronische Musik des Künstlers ergänzt.

Grundlage für die Rekonstruktionsarbeit waren – neben Berks umfangreichem Nachlass – vor allem Zeitzeugeninterviews mit ehemaligen Tänzern, Freunden und Studenten Berks, die Winkler selbst führte und die integraler Bestandteil des Abends waren.

 

Credits
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Konzept/Künstlerische Leitung – Christoph Winkler
Co-Kurator Musik – Jan Rohlf
Musik & Choreografien – Ernest Berk
Umsetzung Choreografien & Tanz Martin Hansen, Emma Daniel, Lois Alexander, Luke Divall, Lisa Rykena, Dana Pajarillaga, Riccardo de Simone, Sarina Egan-Sitinjak, Julia B. Laperrière, Gareth Okan
Ergänzende Live Musik –  group A, Rashad Becker, Pan Daijing
Video –  Andrea Keiz
Bühne & Kostüm – Valentina Primavera
Produktionsdramaturgie – Elena Polzer
Organisation – Lilli Maxine Ebert
Wissenschaftliche Beratung– Dr. Patrick Primavesi
Geschäftsführung – ehrliche arbeit – freies Kulturbüro

Filmaufzeichnung
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Aufzeichnung vom 30.01.2018, HAU Hebbel am Ufer, Berlin. Da die Performer in den letzten beiden Teilen des Abends nackt auftreten, veröffentlichen wir hier nicht den Gesamtmitschnitt des Abends. Bei Interesse können Sie unter der Adresse production@christoph-winkler.com den Link zur vollständigen Aufzeichnung mit zugehörigem Passwort anfordern.

Anmerkungen von Christoph Winkler

Jede Rekonstruktion ist von der Materiallage abhängig. Welche Dokumente sind erhalten, gibt es Aufzeichnungen oder Mitschnitte der Werke, kann man Zeitzeugen ausfindig machen und wie genau sind deren Erinnerungen. Aus all diesen Quellen bestimmt sich dann der Charakter der Rekonstruktion. Ernest Berks Karriere spannt sich über einen Zeitraum von sechs Jahrzehnten und pendelt darüber hinaus zwischen Deutschland und Großbritannien. Dementsprechend ist die Materiallage sehr unterschiedlich. Dazu kommt, dass es keine filmischen Dokumentationen seiner tänzerischen Arbeiten gibt. Nach seinem Tod 1993 wird sein Nachlass dem historischen Archiv der Stadt Köln übergeben. Dort ruht dieser bis der angehende Musikwissenschaftler Martin Köhler 2001 beschloss sich in seiner Dissertation mit der Sichtung des Nachlasses zu beschäftigen.

Im Rahmen dieser Arbeit digitalisierte er 180 Musikstücke und legte sie seiner in Buchform erschienenen Arbeit als DVD bei. Gerade noch rechtzeitig, denn 2009 stürzen große Teile des Kölner Archivs ein und beschädigen auch die Sammlung Berks. Der Restaurationsprozess wird Jahrzehnte dauern und es ist momentan nicht vorauszusehen was gerettet werden kann.

Zusätzlich zu den Musikstücken sammelt Köhler viele Notizen über die dazu gehörenden Choreografien und gibt so zahlreiche, erste Hinweise für unsere Rekonstruktionsarbeit.

Als nächsten Schritt haben wir Personen ausfindig gemacht die mit Berk gearbeitet haben, meistens als Tänzer oder direkt seine Schüler waren. Die Ältesten von ihnen haben in den 60iger Jahren angefangen mit Berk zu arbeiten. Wie beispielsweise Rebecca Wilson der wir eine weitere Dissertation mit Hauptaugenmerk auf Berks choreographisches Schaffen verdanken.

Alle anderen Zeitzeugen treffen meistens in den 70er Jahren mit Berk zusammen.

Aus dieser Zeit gibt es dann auch erste photographische Dokumente denen wir nicht nur bestimmte Tanzposen entnehmen konnten sondern auf denen auch Teile von Bühnensets erkennbar sind.

Nach Sichtung all dieser Materialien haben wir diejenigen Stücke ausgewählt über die wir die meisten Informationen über die choreografische Struktur hatten und die wir musikalisch am beeindruckensten finden.

Trotz aller Recherchebemühungen bleibt bei einer tänzerischen Rekonstruktion zwischen Original und Rekonstruktion notwendigerweise eine Distanz. Die Körper heute sind verschieden, es gibt andere Ausbildungen und Ästhetiken. Für uns war es also wichtiger die Intentionen aufzunehmen als nach einer Genauigkeit zu streben die so ohnehin nicht erreicht werden kann.

Der Abend folgt in seiner Struktur einem für diese Zeit typischen Programmablauf in dem er mehrere kürzere Arbeiten vereinigt. Bei den Rekonstruktionen gehen wir von verschiedenen Ansätzen aus. So sind einige Stücke relativ genaue Abbilder des Originals, andere dagegen werden sich über die Performativität dem Original nähern, während Rashad Becker den Umgang mit dem Material selbst thematisiert, indem er die verschiedensten Texte über die Aufführung als Quelle seiner Arbeit nimmt.

Alle Stücke werden kontextuiert durch Interviewausschnitte mit Zeitzeuginnen.

In einer Introduktion zu der Komposition „What’s up“ werden die Tänzer*innen ihren Weg der körperlichen Aneignung des historischen Materials zeigen. So wird die Differenz sichtbar und die entstehenden Leerstellen jeder Rekonstruktion aufgedeckt.

Danach werden mit „Apparition“ und „De Profundis“ zwei Soli Berks zu sehen sein, welche er Zeit seines Lebens getanzt hat und die von den interviewten Zeitzeugen noch gesehen wurden.

Mit „Gemini – Les Amie“ folgt ein Frauenduett, für dass es ebenso relativ viele Hinweise über Form und Aufbau gibt.

Als viertes Stück folgt die Komposition „Synchrome“, dass ursprünglich für die „Internationale Woche der experiementellen Musik“ 1968 an der technischen Universität in West-Berlin komponiert wurde und erst später von Berk mit Tanz kombiniert wird. Hier sieht man Berk auf dem Höhepunkt seines kompositorischen Schaffens.

Die darauf folgendene Stücke „Seci“ und „Trance“ sind strukturierte Improvisationen die auf den sogenannten Liberation Workshops basieren. Sie geben aber im Zusammenspiel mit der Musik einen guten Einblick in Berks Arbeit in den 70er Jahren.

Berk der sein Leben lang aktiver Nudist war, hat auf die Befreiungsthematiken der Flower Power Generation natürlich positiv reagiert. Für ihn war das emanzipatorische Potential von Nacktheit ohnehin klar. So organisierte er in seinem Studio regelmäßige Nackt-Trance-Dance Sessions mit interessierten Tänzer*innen. Vor einer Wand aus Synthesizern und Tonbandmaschinen begannen sich die Tänzer*innen zu Rhythmen von Berk in Trance zu steigern. Er selbst war Teil des Geschehens und beobachtete die Bewegungen. Dabei ging er immer wieder an seine Geräte zurück und versuchte diejenigen Frequenzen zu finden, welche die Trance der Tänzer unterstützen.

Live wurden diese Sessions noch durch Bodypainting und Lichtregie unterstützt.

Diese beiden Stücke können also als ein Reenactment der damaligen Aufführungen gesehen werden, wobei Berks Part von dem japanischen Duo Group A übernommen wird. Sie werden mit den originalen „Beats“ arbeiten und im Moment der Aufführung versuchen Sounds zu kreieren die einerseits die Performance unterstützen, aber andererseits auch die Musik Berks an das Heute anbinden. Dabei wird es keine Trennung zwischen Musiker*innen und Tänzer*innen geben.

 

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