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No [’rait] of spring

Ausgehend von seiner eigenen Erfahrung als Tänzer in Pina Bauschs Le Sacre du Printemps und seiner Faszination von dem Solo der Auserwählten beschäftigte sich Josep Caballero García in „No [’rait] of spring“ mit vier weiteren weiblichen Paraderollen der deutschen Tanzgeschichte aus der Perspektive und Erinnerung von männlichen Tänzern: Mirtha, die Königin der Wilis aus Marius PetipasGiselle“, „Die Kameliendame“ aus John Neumeiers gleichnamigem Ballet, Lady Macbeth aus Johann Kresniks „Macbeth“ und Beatrice Cenci aus Gerhard Bohners „Die Folterungen der Beatrice Cenci“.

Auf der Grundlage von Interviews mit ehemaligen Ensembletänzern und Musikausschnitten wurden das historische Material und die Erinnerungen zunächst dekonstruiert und dann mittels tänzerischer Skizzen und räumlicher Gestaltung collagenhaft auf die Bühne gebracht. So entstand eine Art subjektive Rekonstruktion der ausgewählten Rollen aus dem Blickwinkel der interviewten Männer. Gleichzeitig begab sich Luis Rodriguez innerhalb seiner eigenen tänzerischen Auseinandersetzung mit den genannten Frauenrollen auf die Suche nach einer Physikalität von Choreografie jenseits von Gender.

Die Einschränkung durch Urheberrechte beeinflusste maßgeblich die Arbeit mit dem historischen Material und die Verwendung von Original-Ausschnitten mittels Video, Bewegungsmaterial und Musik. „No [’rait] of spring“ wies auf diese Leerstellen hin, nahm sie jedoch zum Anlass, neue Wege der Rekonstruktion zu finden. In einer Komposition des gesammelten Materials an der Schnittstelle zwischen Tanzperformance und Bild-/Toninstallation lud das Stück auf eine so assoziative wie emotionale Reise durch Erinnerungsfetzen, Bewegungsfragmente und (An-)Klänge ein, die jedem seinen individuellen Zugang zu dem historischen Material ermöglichte.