PROJEKTE

> DOKUMENTATION 2012

Die Projektdokumentation gibt Einblicke in die Probenarbeit

Olga de Soto:
DÉBORDS. Reflections on the Green Table

Die Choreografin, Tänzerin und Tanzforscherin Olga de Soto beschäftigt sich seit Jahren mit der Geschichte und Rezeption von Tanz. Die zweite Phase ihrer dokumentarisch-choreografischen Recherche über den deutschen Tanzerneuerer Kurt Jooss wurde 2012 von TANZFONDS ERBE gefördert. Die Rezeption und Wirkung seines gesellschaftspolitischen Balletts „Der Grüne Tisch“, das für seine zeitlose Absage an den Krieg weltberühmt wurde, standen im Zentrum von „Débords. Reflections on The Green Table.“ Olga de Soto begab sich auf die Spuren des Grünen Tisches  – von seiner Entstehung 1934 bis heute – und dokumentierte damit eindrücklich, wie Erinnerung gepflegt, transformiert oder gar vergessen wird – dabei aber nie aufhört, in Bewegung zu bleiben.

„Débords. Reflections on the Green Table“ wurde mit dem belgischen Prix SACD Spectacle vivant ausgezeichnet.

Interview Olga de Soto (englisch)
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Olga de Soto

ist Choreografin, Tänzerin und Tanzforscherin. Nach klassischem und zeitgenössischem Tanztraining in Spanien, studierte sie Zeitgenössischen Tanz an der CNDC in Angers. Sie arbeitete mit Michèle Anne De Mey, Pierre Droulers, Felix Ruckert, Meg Stuart, Boris Charmatz und Jérôme Bel. 1992 begann sie mit ihrer eigenen choreografischen Arbeit.

In den letzten Jahren hat sie sich vor allem Projekten gewidmet, deren Entstehung eng an lange, dokumentationsbasierte Forschungsprozesse geknüpft ist, in denen Choreografen mit einem atypischen Zeitverständnis arbeiten, das gänzlich von der klassischen Produktionslogik gelöst ist.  2004 entstand mit histoire(s) eine dokumentarische Videoperformance über die legendäre Premiere von Jean Cocteaus Ballett Le Jeune homme et la mort am 25. Juni 1946 im Théâtre des Champs-Élysées in Paris. Olga de Soto montiert Zeitzeugeninterviews mit acht Premierenbesuchern zu einer filmischen Erinnerungsspur, die  eindrücklich die Wirkung des Stücks auf sein Publikum und das entbehrungsreiche Leben im Nachkriegs-Paris beschreibt.

2009 begann Olga de Sotos Auseinandersetzung mit Kurt Jooss‘ Ballett Der Grüne Tisch (1932). In einer intensiven Recherchephase führte sie zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen, die sie in der ganzen Welt suchte und besuchte. 2010 stellte sie in der Lecture Performance An Introduction die Ergebnisse ihrer Spurensuche zur Überlieferung und Rezeption des weltberühmten Werks vor. Die abendfüllende Bühnenproduktion „Débords. Reflections on The Green Table“ ist die zweite Phase ihrer dokumentarisch-choreografischen Recherche über den deutschen Tanzerneuerer Kurt Jooss.

Credits
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Konzept, Choreografie, Dokumentation, Kamera, Ton – Olga de Soto
Mit – Fabian Barba, Alessandro Bernardeschi, Edith Christoph, Hanna Hedman, Mauro Paccagnella, Enora Rivière
Video – Olga de Soto
Videoschnitt – Julien Contreau, Olga de Soto
Technische Leitung – Daniel Huard
Licht – Philippe Gladieux
Zeitzeugen – Juan Allende-Blin, Jeanne Brabants, Jacqueline Challet-Haas, Edith del Campo, Françoise Dupuy, Fernando García, Christian Holder, Ann Hutchinson Guest, Bruno Jacquin, Philip Lansdale, Michèle Nadal, Marina Grut, Toer van Schayk, Nora Salvo, Hanns Stein, Joan Turner Jara, Andras Uthoff, Jeanette Vondersaar, Gerd Zacher.

Produktion – Niels & Caravan Production

Koproduktion – Joint Adventures/Tanzwerkstatt Europa (München), Les Halles (Brüssel), Culturgest (Lisabon), Festival d’Automne à Paris, Les Spectacles vivants – Centre Pompidou (Paris), Tanzquartier Wien, Centre Chorégraphique National de Montpellier Languedoc-Roussillon (CCNM) im Rahmen von Jardin d’Europe

Mit Unterstützung – der Europäischen Union, Open Latitudes (Les Halles-Brussels, Latitudes Contemporaines-Lille, Le Manège de Mons / Maison Folie-Mons, Cialo Umysl Foundation-Warsaw, Teatro delle Moire-Milan, Sin Arts und Culture Centre-Budapest, Le phénix, scène nationale de Valenciennes, l’Arsenic-Lausanne)

Gefördert von – TANZFONDS ERBE, eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes

Mit Unterstützung – der Französischen Gemeinchaft Wallonie-Brussels, Archives Jooss (Köln/Amsterdam), Deutsches Tanzarchiv Köln (Dokumentation)

Mit zusätzlicher Unterstützung – durch Centre de développement chorégraphique d’Uzès

Dieses Projekt wurde unterstützt – durch ein Recherchestipendium des Französischen Ministerium für Kultur und Kommunikation und der Französischen Kommune Wallonie-Brussels für die Entwicklung der Dokumentation.

Olga de Soto wird gefördert – vom Ministerium der französischen Gemeinschaft Wallonie-Bruxelles, und ist Artist in Residence von Les Halles (Brüssel) und in administrativer Residence an La Raffinerie – Charleroi/Danses, Centre Chorégraphique de la Fédération Wallonie-Bruxelles.

Pressestimmen
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Aus „Toute la Culture“ Toutelaculture.com

[…] Und darin liegt die Kraft von Olga de Sotos künstlerischen Ausdrucksmitteln: ihre Annäherung ist der von Faustin Linyekula genau entgegengesetzt. Seine Rekonstruktion einer historischen Version des ‘Ballet nègre’ steht im Zentrum eines zeitgenössisches Stückes. Die Choreographin nutzt stattdessen die Möglichkeiten von Montage und Inszenierung […].

So bewegen sich die sieben Interpreten (darunter sie selbst) auf der Bühne zwischen projizierten Bildern und Spiegelungen, sie manipulieren die Leinwände in einem Spiel von Brechungen und Überlagerungen, das im Laufe des Stückes immer komplexer wird. Die künstlerischen Mittel mögen anfangs redundant wirken und die Aussagekraft der Zeitzeugenaufnahmen scheint sich selbst zu genügen, doch nach und nach erschließt sich ihre Bedeutung, und das Ballett lässt in uns ein konkretes Bild entstehen.

Mehr als die symbolische Kraft des Originalballetts, seine verschiedenen Figuren und die Erzählungen der Darsteller (die Diplomatin, die Partisanin, der Tod, die Kriegsgewinnler), berühren uns ihre Empfindungen, die sie uns tanzend mitteilen. Sie zeigen ihre Verstörung, die wiederum vom Publikum gespiegelt wird. Das erinnert an die erste Aufführung des Stückes in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, 1951: Im Zuschauerraum wie hinter den Kulissen herrschten damals absolute Stille.

Die Intelligenz und die Tiefe der Ansichten der Tänzer, die Art ihrer Erinnerungen und ihr ehrlich geäußerter Zweifel an manchen Details der Choreographie, dient voll und ganz dem universalen Anliegen von Kurt Jooss: die Verdammung des Krieges und der Kriegsgewinnler. Sie dient auch dazu, die Zuschauer auf ihre eigene Verantwortung hinzuweisen. Der Grüne Tisch endet so, wie er begonnen hat, am Verhandlungstisch, wo, wie wir heute wissen, kein einziges Gespräch von Wert ist, denn die Diplomaten sind in Wirklichkeit die Anstifter des Krieges.

Selten ging uns die Handschrift einer Choreographie so nahe. Wir verlassen das Theater im Wissen, einer besonders gelungenen Umsetzung von „Der Grüne Tisch“ beigewohnt zu haben. Sie hat uns tief berührt. Brillant.

Charlotte Imbault, Mouvement 11/12:

„Die identische Rekonstruktion einer Abbildung interessiert mich nicht. Mich beschäftigt es, in Erfahrung zu bringen, in welchem Maße die Zeit sie schattiert, wie die Erfahrungen und die Erinnerungen eines Menschen erodieren.“ [Olga de Soto] Mit anderen Worten: Was macht die Zeit mit der Wahrnehmung von Kunstwerken?

Aloïs Riegl, ein Kunsthistoriker des 19. Jahrhunderts, definiert im Hinblick auf Denkmäler in seinem Werk „Der moderne Denkmalkultus“ (1903) drei Erinnerungswerte. Erstens der Alterswert, nachdem ein Werk ein Organismus ist, dessen Alterungsprozess niemand etwas entgegensetzen darf. Zweitens der historische Wert, der sich am Originalzustand orientiert und somit auch die Restaurierung erlaubt (da partieller Verfall stört), jedoch in Maßen (da das Original erkennbar bleiben soll). Schließlich der Gedächtniswert, dessen wesentliches Prinzip die Restaurierung im Namen der ewigen Gegenwart ist.

Olga de Soto hält sich an keine der drei Arten der Restaurierung, sondern geht den Spuren in den Zeitzeugenberichten uneingeschränkt nach und verdeutlicht so das ganze Ausmaß des Werkes . Gleichzeitig ist es eine ganz intime Zeitreise. „Teil der Arbeit war es, den Bezug zwischen dem Stück und allem jenseits des Stückes zu verstehen. Schnell war klar, dass mir die Interviewten unmöglich nur das erzählen konnten, was sie gesehen haben. Es ging über die Aufführung hinaus, sprengte den Rahmen, denn es ging um ihr eigenes Leben. Als es um die Szene mit den Flüchtlingen ging, fiel das besonders auf, denn viele der Zeitzeugen haben zu einem Zeitpunkt ihres Lebens selber fliehen müssen, aus Nazideutschland oder der Tschechoslowakei …“ [Olga de Soto]

Aus dem Französischen übersetzt.

Aufführungstermine
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2012

2013

2016

  • 29. & 30.10.2016 | NAVE, Santiago de Chile (gefördert durch die TANZFONDS ERBE-Gastspielförderung)

 

BILDERGALERIE

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